Italienisch-deutsche Literatur 2026 — von Franco Biondi bis zur dritten Generation
Eine literarische Tradition, die zwischen zwei Sprachen lebt. Vom Akkordarbeiter-Gedicht der 1970er-Jahre zur akademisch arrivierten Italianistik der Gegenwart.
Es gibt in der deutschsprachigen Literatur-Geschichte des späten 20. Jahrhunderts ein Etikett, das mehr verdeckt als es enthüllt: „Gastarbeiter-Literatur”. Wer die Texte selbst liest — die frühen Gedichte Franco Biondis, die Essays Gino Carmine Chiellinos, die späteren Romane Carmine Abates — versteht schnell, dass es um eine eigenständige literarische Tradition geht. Eine Tradition, die zwischen Italienisch und Deutsch operiert, die ihre Themen aus der doppelten Lebenslage zieht und die längst über den Migrations-Diskurs hinaus literarisch ernst zu nehmen ist.
Die erste Generation: Biondi, Chiellino, Cesarani
Den entscheidenden Anfangs-Akt setzte Franco Biondi. 1947 in Forlì in der Emilia-Romagna geboren, mit 18 Jahren in die Bundesrepublik gekommen, zunächst als Arbeiter in einer Lederwaren-Fabrik in Hanau, später Sozialpädagoge in Frankfurt: Biondi veröffentlichte 1979 den Gedichtband „Nicht nur gastarbeiterdeutsch” und 1984 den Erzählband „Abschied der zerschellten Jahre”. Was die Texte literaturhistorisch bedeutsam macht, ist nicht primär ihr Sujet, sondern ihre Sprach-Arbeit: Biondi schrieb in einem Deutsch, das die italienische Mehr-Sprachigkeit nicht verdeckte, sondern als Material verwendete. Die Spannung zwischen den Sprachen wurde zum poetischen Verfahren.
Biondi war Mitbegründer des „Polynationalen Literatur- und Kunstvereins” (PoLiKunst), der 1980 in der Wupper-Region als Selbstorganisation nicht-deutschstämmiger Autor:innen entstand. PoLiKunst veröffentlichte zwischen 1980 und 1986 eine Anthologie-Reihe, in der die literarische Selbstverortung der ersten Migrations-Generation Form annahm.
Gino Carmine Chiellino, 1946 in Carlopoli (Kalabrien) geboren, Romanistik- und Germanistik-Studium in Bologna und Gießen, langjähriger Mitarbeiter am Lehrstuhl für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Augsburg, ist der zweite Pol jener Pioniergeneration. Sein Gedicht-Band „Mein fremder Alltag” (1984) und der Essay-Band „Lange Ausschüsse” (1985) stellten die theoretische Begleitung dessen, was Biondi praktizierte. Chiellinos Begriff der „Migrantenliteratur” — den er später selbst zugunsten differenzierterer Termini wieder aufgab — war für die Frühphase der Forschung eine wichtige Kategorisierungs-Hilfe.
Tito Cesarani, 1949 in Sarno (Kampanien) geboren, ab 1969 in Berlin lebend, ergänzt das Bild der ersten Generation um eine essayistisch-publizistische Linie. Sein Band „Saggi a Berlino” (1991), eine zweisprachige Auseinandersetzung mit dem geteilten und sich wiedervereinigenden Berlin, gehört zu den Texten, in denen italienisch-deutsche Schreibarbeit als Stadt-Beobachtung erscheint.
Die erste Generation hat ein literarisches Material geöffnet, das ohne ihre konkrete Arbeit nicht zugänglich gewesen wäre. Sie hat eine Tradition begründet, an die spätere Generationen anschließen konnten, ohne dieselben Pionier-Mühen zu wiederholen.
Die mittlere Generation: Carmine Abate
Den eigentlichen Übergang von einer Migrations-Literatur in eine sprach-übergreifende italienisch-deutsche Erzähl-Tradition markiert Carmine Abate. 1954 in Carfizzi geboren — einem albanisch-italienischen (arbëresh) Dorf in Kalabrien, in dem die albanische Minderheits-Sprache bis heute gesprochen wird —, studierte Abate in Bari, arbeitete in den 1980er-Jahren als Italienisch-Lehrer in Hamburg, lebt seit Mitte der 1990er-Jahre in der Trentino-Region. Seine Romane werden seit „Il ballo tondo” (1991, deutsch: „Der Rundtanz”, 1992) regelmäßig auf Italienisch geschrieben und ins Deutsche übersetzt.
Drei Romane Abates sind für die italienisch-deutsche Literatur-Geschichte zentral: „Tra due mari” (2002, deutsch: „Zwischen zwei Meeren”, 2003) erzählt die mehrgenerationale Geschichte einer kalabrischen Familie zwischen Heimat und Auswanderung. „La festa del ritorno” (2004, deutsch: „Das Land der Ankunft”, 2007) widmet sich der ambivalenten Heimkehr-Erfahrung; das Buch wurde mit dem Premio Campiello-Sonderpreis ausgezeichnet. „Le rondini di Montecassino” (2010) thematisiert die multinationale Schlacht von Monte Cassino 1944 in einem polyphonen Erzähl-Verfahren.
Abate hat in einem Aufsatz für die Zeitschrift „Belfagor” 2006 von der „doppelten Wurzellosigkeit” gesprochen, die seine Generation kennzeichne: weder voll im italienischen Süden verankert noch voll im deutschen Norden. Die Romane drehen sich um die Frage, ob aus dieser Lage eine eigenständige Erzähl-Position werden kann — und beantworten sie, indem sie sie literarisch durcharbeiten.
Die jüngere Generation: De Cesare, Schiavi, neue Stimmen
Die jüngere italienisch-deutsche Literatur-Generation, deren Werk seit etwa 2010 publiziert wird, lässt sich nicht mehr ohne weiteres auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Charakteristisch ist eine Verschiebung: weg vom autobiographisch grundierten Migrations-Roman, hin zu Texten, die die italienisch-deutsche Doppel-Verortung als selbstverständliche Schreib-Bedingung voraussetzen, nicht als ihr Thema.
Antonella De Cesare, in Düsseldorf geboren, mit kalabrischen Eltern aufgewachsen, Übersetzerin und Essayistin, hat in den 2010er-Jahren über die Frankfurter Verlags-Architektur des italienisch-deutschen Literatur-Transfers publiziert. Alessio Schiavi, jüngere Stimme aus dem süddeutschen Raum, arbeitet an Kurzprosa-Bänden, die die Erzähl-Tradition Carmine Abates aufnehmen, aber stärker an deutschen Stadt-Räumen ansetzen.
Die Verlags-Architektur, die diese Literatur trägt, ist im deutschsprachigen Raum überschaubar: Die Wagenbach-Verlag-Reihe „Salto” hat italienisch-deutsche Erzähl-Literatur seit den 1990er-Jahren konsequent gepflegt; Folio (Bozen/Wien) hat den Schwerpunkt auf der Süd-Tirol-Bezogenen italienischen Literatur; der Folio-Schwester-Verlag Edition Raetia in Bozen verfolgt eine ähnliche Linie. Die Übersetzungs-Architektur wird von einer kleinen, aber qualifizierten Gruppe getragen — Karin Krieger, Annette Kopetzki, Friederike Hausmann, Heinz Riedt († 2008) waren und sind die zentralen Namen.
Die akademische Verankerung
Die akademische Behandlung der italienisch-deutschen Literatur hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten institutionalisiert. Die zentralen Lehrstühle sind in der italienistischen Landkarte des deutschsprachigen Raums verteilt: die Italianistik der Ludwig-Maximilians-Universität München, die Italianistik der Humboldt-Universität zu Berlin, das Seminar für Romanistik der Universität Heidelberg, die Italienische Philologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.
In Österreich ist das Institut für Romanistik der Universität Wien, mit seinem traditionsreichen italianistischen Schwerpunkt, der zentrale Ort. In der Schweiz spielen die Italianistik der Universität Zürich (Sezione di italianistica) und das Istituto di studi italiani der Università della Svizzera italiana in Lugano eine vergleichbare Rolle.
Die Forschungs-Architektur jenseits der Lehrstühle wird wesentlich von zwei Zeitschriften getragen: „Italienisch — Zeitschrift für italienische Sprache und Literatur”, herausgegeben von der Frankfurter Italianistik, und „Romanische Studien” mit ihrer regelmäßigen italienistischen Sektion. Beide haben in den vergangenen Jahren mehrere Sonderhefte zur italienisch-deutschen Literatur veröffentlicht.
Was als Schreibarbeit einer Pionier-Generation begann, ist heute ein etabliertes Forschungs-Feld mit Lehrstuhl-Vertretungen, Zeitschriften und kontinuierlicher Übersetzungs-Praxis. Die akademische Würdigung ist allerdings — wie bei vielen literarischen Spät-Traditionen — der literarischen Produktion zeitlich nachgelaufen.
Die Übersetzungs-Wissenschafts-Schnittstelle
Eine eigene Spielart der italienisch-deutschen Literatur-Tradition wird nicht in Roman-Form, sondern als wissenschaftliches Übersetzungs-Werk geleistet. Die deutschsprachige Vermittlung der italienischen Renaissance-Klassiker, der italienischen Aufklärung (Goldoni, Beccaria), der italienischen Klassiker des 20. Jahrhunderts (Gadda, Calvino, Morante, Sciascia, Tabucchi) ist Werk italienisch-deutscher Übersetzerinnen und Übersetzer, die selbst oft eine biographische Doppel-Verortung tragen.
Burkhart Kroeber, langjähriger Umberto-Eco- und Italo-Calvino-Übersetzer, hat in einem Werkstattbericht für die „Übersetzen”-Zeitschrift des VdÜ 2018 betont, dass die italienisch-deutsche Übersetzungs-Praxis seit den 1980er-Jahren von einer „doppelten Sozialisation” lebt: deutschsprachige Italianistik-Absolvent:innen mit langen Italien-Aufenthalten auf der einen Seite, italienisch-deutsche Zweit-Generations-Stimmen mit literarischer Affinität auf der anderen. Beide Stränge speisen heute die laufende Übersetzungs-Arbeit.
Die Frage der dritten Generation
Wer die literarischen Texte der italienisch-deutschen Dritt-Generations-Stimmen liest — bislang vor allem in Kurzprosa-Anthologien wie „Italianissimo” (Wagenbach 2023) zugänglich —, erkennt eine andere Sprach-Lage als bei Biondi oder Abate. Italienisch ist hier nicht mehr selbstverständliche Erst-Sprache; es ist Familien-Erbe, Schul-Wahlfach, Reise-Sprache. Die Texte schreiben sich oft auf Deutsch, mit italienischen Insel-Stellen, die als kulturelle Marker auftreten, nicht als sprachliche Selbstverständlichkeit.
Diese Lage hat literarisch zwei Konsequenzen. Erstens entsteht ein neuer Typus von Familien-Roman, in dem die italienisch-deutsche Doppel-Verortung als historische Hinterland-Erzählung auftritt — die Großeltern-Geschichte als Material, nicht als gelebte Sprach-Realität. Zweitens entsteht eine Übersetzungs-Bewegung in umgekehrter Richtung: Dritt-Generations-Autor:innen, die ihre auf Deutsch verfassten Texte ins Italienische rückübersetzen lassen, häufig durch professionelle Übersetzungs-Werkstätten in Mailand und Turin.
Die literarische Tradition, die Franco Biondi 1979 mit „Nicht nur gastarbeiterdeutsch” eröffnete, ist 2026 eine arrivierte literarische Strömung. Sie hat ihre Pionier-Generation, ihre Klassiker und ihre jüngeren Stimmen. Was sie noch nicht hat, ist eine literaturkritische Selbstverständlichkeit in den Feuilletons der großen Tageszeitungen — die Texte werden, wenn sie besprochen werden, häufig noch unter dem Migrations-Label verhandelt. Die Texte selbst haben dieses Label längst hinter sich gelassen.